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Kind Nr. 95 - meine deutsch-afrikanische Odyssee

 

Es gibt unglaubliche, aber wahre Geschichten, die einfach weitergereicht werden müssen, sei es als Erzählung oder in Schriftform. Glücklicherweise hat Lucia Engombe ihre eigene Geschichte aufgeschrieben und veröffentlichen lassen. Vielleicht hätten sonst wirklich nur die Drahtzieher und ihre nahezu willenlosen Opfer von einer Aktion gewusst, die als humanitäre Hilfe dargestellt wurde, in Wahrheit aber Kalkül zynischer Politik war.  Lucia Engombe beschreibt in dem Buch „Kind Nr. 95“ etwa 25 Jahre ihres Lebens, die sie nacheinander in Namibia, Sambia, der DDR und schließlich wieder in Namibia verbrachte (siehe: Namibia-Reisebericht in Birkenblatt Nr. 131).

 

Der Autorin gelingt es dabei fast spielerisch, selbst Erlebtes in den Zusammenhang zur großen Politik zu bringen. Das eigene Leben ist bei ihr deshalb auch nicht Ausdruck des eigenen Willens, sondern wird als Spielball des Zeitgeschehens dargestellt. Dass sie das scheinbar Beste aus der Situation gemacht hat, darf als ihr großes Glück verstanden werden. 1972 in Namibia geboren, einem Land, das sich seit 1960 im blutigen Unabhängigkeitskampf mit Südafrika befand, muss ihre Familie in das benachbarte Sambia fliehen, wo sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen in einem Flüchtlingscamp wohnt. Angst, Schmutz und Hunger sind ständige Begleiter.

 

Doch die Flüchtlingscamps in befreundeten Nachbarstaaten bieten dauerhaft keinen Schutz vor der aggressiven südafrikanischen Armee. Die Kunde von brutalen Massakern erschüttern die Flüchtlinge sowie die South West Africa People’s Organisation, die namibische Unabhängigkeitsbewegung, kurz SWAPO genannt. Die wiederum holt sich im Kampf Unterstützung bei sozialistischen Staaten, unter anderem bei der damaligen DDR. Und so erzählt Lucia Engombe, wie sie in den Strudel der Geschichte kam und im Alter von sieben Jahren aus ihrem sambischen Camp im Rahmen einer ausgehandelten Kinderrettung und im Beisein von einigen Freundinnen und Freunden nach Ost-Berlin flog. Sie berichtet, wie sie ihre Mutter und drei Geschwister verlassen musste und sie erst nach elf langen Jahren wiedersehen sollte. Und sie beschreibt – ganz am Ende des Buches –, wie sie sich danach auf die Suche nach ihrem lange vermissten Vater begab und diesen schließlich tatsächlich fand. Die Schilderung der Ereignisse aus seiner Sicht erschüttern die junge Frau zutiefst und lässt sie am Ende begreifen, welch zwielichtige Rolle die SWAPO in der ganzen leidigen Angelegenheit spielte.

 

Mit 15 namibischen Erwachsenen und weiteren 79 Kindern kam Lucia im Dezember 1979 im Schloss Bellin in Mecklenburg-Vorpommern an, ihrer neuen Heimat bis 1985. Es war kalt und es schneite. Von Schnee hatte das junge namibische Mädchen noch nie etwas gehört, geschweige ihn zu Gesicht bekommen. Doch das sollte nicht Lucias letzte erste Erfahrung an ihrem Ankunftstag bleiben. Weder kannte sie Äpfel, die ihr aber sehr schmeckten, noch hatte sie je in einem richtigen Bett geschlafen. Voller Begeisterung stürzten sich die afrikanischen Kinder auf die Zahnpasta – nicht etwa, weil sie sich gründlich die Zähne putzen wollten, sondern weil die so herrlich süß roch und auf der Zunge lag.

Rund zwei Drittel von „Kind Nr. 95“ handeln von Lucias Zeit in der einstigen DDR. Zunächst schildert sie ihre ersten deutschen Jahre im mecklenburgischen Bellin, dann nach dem Umzug der Gruppe 1985 ihre letzten sechs Jahre in Staßfurt im heutigen Sachsen-Anhalt. Die Jahre im Schloss Bellin waren zunächst geprägt vom Zauber des Neubeginns, der sich abwechselte mit bitterem Heimweh nach  Mutter und Geschwistern, was in eine Phase des Trotzes und der Tränen mündete – aber auch in eine innere Verwandlung. Hochgradig schwierige gruppendynamische Prozesse innerhalb der afrikanischen Notgemeinschaft endeten häufig in Ausgrenzung oder handfeste Prügel. Wer hier nicht standhielt, war verloren. Aus der chronisch kranken und unterernährten Lucia war ein jedoch großes, schlankes und wehrhaftes Mädchen geworden, das sich durchzusetzen verstand und nicht klein beigab.

Alle namibischen Kinder lernten Deutsch und erhielten eine klassische Schulausbildung nach DDR-Format. Lucia wurde eine wissbegierige und gute Schülerin. Ihr heimliches Hobby aber waren deutsche Kinderlieder und Märchen, in denen Prinzessinnen vorkamen. Im Fernsehen, das gruppenweise geschaut werden durfte, mochte sie vor allem die Indianergeschichten, in welchen der deutsch-serbische Schauspieler Gojko Mitic mitspielte, derselbe Schauspieler, der nach der Wende auch Winnetou darstellen sollte.

In Staßfurt hatte die Ausbildung der afrikanischen Jugendlichen ab 1985 einen weiteren Schwerpunkt: ein fast militärisch anmutender Drill sollte die jungen Menschen auf den langen Kampf um die namibische Unabhängigkeit vorbereiten. Der Besuch von SWAPO-Aktivisten in der Schule häufte sich, und sie formulierten unmissverständlich ihre Erwartung: „Ihr werdet nach eurer Rückkehr nach Namibia in einigen Jahren die neue Elite des dann befreiten Landes sein – oder ihr werdet den Kampf fortführen.“ Vor allem deshalb wurde in der Staßfurter Schule, in der auch viele Jugendliche aus dem sozialistischen DDR-„Bruderland“ Mozambique ausgebildet wurden, namibische Wurzeln und Traditionen hochgehalten.

Jede der 384 Seiten von „Kind Nr. 95“ ist lesenswert. Trotz der teils dramatischen Ereignisse berichtet die Autorin in einer unaufgeregten Weise, immer wissend, dass sie bei allem Mut auch viel Glück gehabt hat. Fotos im Mittelteil des Buches geben wunderbare Einblicke in all ihre Lebensstationen. Es ist eine Ironie ihres Schicksals, dass die Rückkehr nach Namibia im Jahr 1990 zu ihrer größten Lebensherausforderung wird. Das Land ist ihr fremd, so wie die Menschen – sogar ihre Familie. 

Eine starke Frau und ein großes Buch!          VH

 

 

 

Foto: Ullstein Verlage GmbH

Titelseite des Buches "Kind Nr. 95"