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Jahnke-Patientinnen in der Frauenzeitschrift BARBARA

 

Mit sage und schreibe elf Seiten ist es der ausführlichste Beitrag der November-Ausgabe der Zeitschrift BARBARA. „Gilt hier OLL INCLUSIV?“, lautete seine Überschrift und im Inhaltsverzeichnis wird er mit „Knackfrisch“ angekündigt und darunter: „Die aktuellen Modetrends – kombiniert mit Graumeliert.“ Fast jede dieser Seiten wird von einem  einzigen Foto dominiert; sie alle sind Gesamtkunstwerke bestehend aus fotografischem Knowhow, eleganter Kleidung, Accessoires, perfekter Maske, edlem Ambiente und nicht zuletzt – wunderbaren Models.

Die Geschichte, die hinter der imposanten Fotostrecke steht, ist schnell erzählt. Die langjährige intensive Partnerschaft zwischen der renommierten Fotografin Esther Haase und der Pflegestation Jahnke fand im August eine überraschende Fortsetzung. Nachdem das jahrelang erfolgreiche Kalenderprojekt vor zwei Jahren ein Ende fand, erinnerte sich Esther Haase an die fruchtbare Zusammenarbeit, als sie einen Auftrag für die Frauenzeitschrift BARBARA annahm. Einem professionell arbeitenden ergrauten Fotomodell – im Beitrag der Zeitschrift immer nur Lucie genannt – sollten zwei ebenfalls betagte Laiendarstellerinnen mitwirken. Die 98-jährige Frieda Lehmann und die 84-jährige Ingeborg Grüber von der Pflegestation Jahnke erklärten sich nach kurzem Zögern dazu bereit und sind nun tatsächlich an der Seite von Lucie in der November-Ausgabe abgebildet.

Lob für die beiden Laien gab es vonseiten der verantwortlichen Produzentin. „Wie zwei alte Model-Hasen“, seien Ingeborg und Frieda aufgetreten, meinte Wiebke Broecker, die Ressortleiterin Mode beim Verlag Gruner + Jahr. Jeweils auf einer Seite sind sie in voller Größe und Schönheit zu sehen, und auf einer Seite sogar gemeinsam auf einem bezaubernden schwarzweiß-Foto. „Bitte lächeln“ heißt die Überschrift, und darunter der treffende Hinweis: „Ingeborg und Frieda haben für unsere Modestrecke gemodelt. Das macht nicht nur uns glücklich.“

Das hier abgebildete Foto findet sich auf der letzten Seite des Beitrags, und man kann ahnen, dass diese Seite der Pflegestation Jahnke gewidmet ist. Die Produzentin war nämlich nicht nur von den beiden Jahnke-Models begeistert, sondern auch von deren Begleiterin. Silke Redlich, seit 25 Jahren Leiterin des Patiententreffpunkts der ambulanten Pflegestation Jahnke, hatte wie bei den legendären Fotoshootings für die Jahnke-Patientenkalender die beide älteren Damen professionell und liebevoll betreut. Das war Wiebke Broecker nicht entgangen, und deshalb kam ihr die Idee, die Fotostrecke durch ein Interview mit Silke Redlich abzurunden. Interviewt wurde Silke Redlich von Leonie Heilig. Hier das komplette BARBARA-Interview mit Silke im Wortlaut:

 

Frau Redlich, viele Patienten, die Sie betreuen,  haben schon an Fotoshootings teilgenommen. Wie kam es denn dazu?

Die Fotografin Esther Haase macht seit Jahren Bilder für einen Kalender des Pflegedienstes, für den ich arbeite. Der Erlös wird dann gespendet. Bei diesen Shootings geht es wirklich bunt zu. Es finden Verwandlungen statt, es wird viel gestaunt und viel gelacht.

Machen die alten Damen und Herren da gern mit?

Man muss es so sehen: Routine ist wichtig und gibt Sicherheit. Aber es ist für alte Menschen, auch jene mit Demenz, schon auch wichtig, mal aus dem Alltag auszubrechen.

Aber so ein Fotoshooting ist sogar für junge Menschen anstrengend.

Das stimmt. Und Ingeborg und Frieda, die durchaus beide rüstig sind, waren vorher auch skeptisch, ob sie diesen Tag gut durchhalten würden. Hinterher waren sie sich dann aber einig: Das war anstrengend, hat aber Spaß gemacht. Sie erzählen noch viel davon.

Was brauchen die Menschen, die Sie betreuen, am meisten?

Ein bisschen Zuneigung, ein bisschen Aufmerksamkeit. Damit kann man ganz viel erreichen. In unseren Gruppen, im Patiententreffpunkt, sprechen wir über alles, was den Leuten so in den Sinn kommt, von A bis Z. Nur nicht über K wie Krankheiten. Die kann ich Ihnen nicht nehmen, die sollen sie aber für ein paar Stunden vergessen. Und Lachen ist wichtig. Sich selbst nicht so ernst nehmen – wie bei einem Fotoshooting. Ich versuche, ihnen eine schöne Zeit zu machen und sie auf andere Gedanken zu bringen.

Haben Sie ein Beispiel?

Einmal wollte meine Gruppe ganz spontan an die Ostsee. Dann bin ich halt mit denen früh-morgens nach Usedom gefahren – für verrückte Aktionen bin ich immer zu haben. Für unseren großen Behindertenbus gab es allerdings keine Möglichkeit, direkt ans Wasser zu fahren, eine Schranke versperrte den Weg. Da waren wir uns allesamt einig, dass wir die dann eben öffnen müssen. Ich bin bis an die Brandung gefahren. Füße ins Wasser! Eine Freude wie bei kleinen Kindern! So simpel ist das manchmal.

Was macht das mit den Menschen?

Das klingt jetzt vielleicht albern, aber sie lächeln wieder, und sie haben plötzlich wieder einen Glanz in den Augen.

Haben Sie selbst Angst vor dem Alter?

Durch meinen Job erlebe ich jeden Tag, wie schwierig das Leben später sein kann. Ich mache mir Sorgen um die Pflegesituation in Deutschland. Wenn es so bleibt wie jetzt, kann man nur hoffen, dass man nicht allzu früh auf fremde Hilfe angewiesen ist. Und dass man immer jemanden hat, der einem zuhört. Wer nimmt sich heute noch Zeit im Alltag? Die Alten stehen am Rande der Gesellschaft und werden oft ignoriert. Ein Lächeln, ein nettes Wort – das würde schon den Unterscheid machen.


Foto: Esther Haase

Wie zwei alte Model-Hasen: Ingeborg Grüber (li) und Frieda Lehmann von der Pflegestation Jahnke