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Das Hilfsprojekt „echt unersetzlich…!?“ für junge pflegende Angehörige

 

„Junge Menschen zwischen 13 und 25 Jahren, die regelmäßig in die Pflege und Betreuung von Angehörigen eingebunden sind, nein, die kenne ich nicht.“ – So oder ähnlich dürfte sich die Mehrheit der Deutschen zu einer Zielgruppe äußern, die hierzulande tatsächlich erst während der letzten zwei bis drei Jahre stärker ins Bewusstsein von Fachleuten gerückt ist. So hat das in Berlin ansässige Zentrum für Qualität in der Pflege mit einer Studie aus dem Jahr 2016 nachgewiesen, dass „fünf Prozent aller Jugendlichen im Alter von 12-17 Jahren in die Pflege eines Familienangehörigen involviert sind.“ Anders ausgedrückt: jeder 20. dieser Altersgruppe.

Für Berlin gibt es sogar aktuellere Zahlen, die noch mehr aufhorchen lassen. Die Fachstelle für pflegende Angehörige hat Ende 2017 durch eine Umfrage an sieben Berliner Schulen herausgefunden, dass fast die Hälfte von ihnen mit einem erkrankten oder behinderten Familienmitglied zusammenlebt. Knapp sieben Prozent der jungen Schüler/innen gaben an, die meiste Pflegeverantwortung für diese Person zu tragen. Dies betrifft gleichermaßen Mädchen und Jungen. Die jungen Pflegenden – auch das ist bemerkenswert – leben häufiger nicht mit bei-den Eltern zusammen als der Gesamtdurchschnitt der befragten Jugendlichen (50 Prozent zu 37 Prozent im Gesamtdurchschnitt).

Während in anderen europäischen Ländern – etwa in Großbritannien – dieses Phänomen schon seit mehr als 20 Jahren bekannt ist und entsprechende Hilfsangebote ins Leben gerufen wurden, ist in Berlin ein solches Hilfsprojekt erst seit September 2017 offiziell am Start. Es trägt den vielsagenden Namen „echt unersetzlich …!?“ und ist der Pflegeberatungs- und Beschwerdestelle „Pflege in Not“ angegliedert. „Wir möchten vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in Berlin erreichen, die in die Pflege und Versorgung von Angehörigen regelmäßig eingebunden sind“, umschreibt der Initiator und Leiter der Fachstelle für pflegende Angehörige Frank Schumann die Zielgruppe. Der Krankenpfleger mit seiner 20-jährigen Erfahrung in der Berliner ambulanten Pflege betont, dass das Angebot an Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren kostenfrei genutzt werden könne. Dem interaktiven Verhalten der Zielgruppe sei es in erster Linie als Online-Angebot geschaffen worden und es spiele dabei überhaupt keine Rolle, mit welcher Erkrankung oder Behinderung sich die jungen Pflegenden auseinandersetzen müssten.

Das Informationsangebot auf der Internetseite des Projekts www.echt-unersetzlich.de richtet sich zusätzlich mit eigenen Unterseiten an Eltern betroffener Kinder und Fachkräfte, die sich zur Zielgruppe informieren möchten.

Ein solch sensibles Thema wie Pflegeverantwortung junger Menschen benötigt eine entsprechend sensible Herangehensweise. „Wir sind erst seit gut einem Jahr erreichbar“, weiß Benjamin Salzmann, „es dauert seine Zeit, bis sich das herumgesprochen hat. Der Zugang zu den jungen Pflegenden ist für den Sozial-arbeiter von übergeordneter Bedeutung. Benjamin Salzmann, neben der Gesundheits- und Krankenpflegerin Anna Kliem (zurzeit im Mutterschaftsurlaub) im Mitarbeiterstab von „echt unersetzlich …!?“, ist deshalb auch stets auf der Suche nach Multiplikatoren, also Organisationen und Personen, die das Thema zielgerichtet weitertragen können. Zu diesen Multiplikatoren zählt er vornehmlich Akteure aus dem Berliner Bildungsbereich sowie dem Gesundheits- und Pflegesektor.

„Für beide Multiplikatorengruppen haben wir jeweils ein Handbuch erstellt, um zunächst auf das Thema aufmerksam zu machen“, erklärt Benjamin Salzmann. Für Fachkräfte aus dem Gesundheits- und Pflegebereich gebe es öfter Kontakte zu jungen Pflegenden. Mit den Informationen aus den Handbüchern könne diese Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener besser erkannt werden und sie könne auch ermutigt werden, sich an die Online-Beratungsstelle „echt unersetzlich…!?“ zu wenden.

Aufgrund internationaler Forschungsarbeit ist die generelle Problematik dieser besonderen Gruppe von Pflegenden längst bekannt. Sie hat ihre ureigensten Bedürfnisse und die fortwährende Pflege und Betreuung kann sich negativ auf sie auswirken. Dazu gehören sich verschlechternde schulische Leistungen, Schulabbrüche und in Konsequenz schlechtere Berufschancen. Aber auch eingeschränkte soziale Teilhabe, psychische und körperliche Leiden und Erkrankungen als Folge einer starken Beteiligung an der Pflege sind nachgewiesen. 

 

Zur Entlastung der Betroffenen wird auch der Dialog mit der Familie gesucht

 

Das Ziel von „echt unersetzlich…!?“ ist die Entlastung der Betroffenen. Dazu wird nach dem Erstkontakt in der Regel auch der Dialog mit der Familie gesucht. Zur Motivation der jugendlichen Pflegenden, den Kontakt mit der Beratungsstelle zu pflegen, greifen Frank Schumann und das Team auch zu ungewöhnlichen Angeboten wie etwa einem monatlich organisierten Theater-Workshop für die Betroffenen.

Ob er einen Blick in die Zukunft wagen und umschreiben könne, wo das Projekt „echt unersetzlich…!?“ in drei Jahren stehen könnte, frage ich Frank Schumann. Der Projektinitiator überlegt und meint: „Es wäre hilfreich, wenn in drei Jahren ein Großteil der Menschen aus dem Bildungs- und Pflegebereich unser Angebot zur Kenntnis genommen hat und für das Thema sensibilisiert ist.“ – Das sollte bei dem Engagement des Teams gut gelingen.

VH     

Foto: Kliem

Benjamin Salzmann, Projektleiterin Gabriele Tammen-Parr, die ehemalige Familienministerin Katarina Barley und Frank Schumann (v.l.)