Gestern und heute

Ursula Bartning erzählt

 

Nach dem Klingelton dauert es nur wenige Sekunden, bis eine freundliche alte Dame die Tür öffnet und ein laut vernehmbares „Guten Tag, kommen Sie doch bitte rein!“, ruft. Sie bewegt sich ohne Gehhilfe frei in ihrer Wohnung, setzt sich so schnell auf ihren Stuhl wie ein junges Mädchen und beginnt einen klassischen Smalltalk. Unglaublich, fährt es mir durch den Kopf, diese muntere Frau, die dazu noch adrett gekleidet ist, wird im Sommer 97 Jahre alt. Kaum zu fassen!

Geboren wurde Ursula Bartning* am 21. August 1924 in einem Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg. Ihre Wohngegend war jedoch das Nikolaiviertel, das älteste Siedlungsgebiet Berlins rund um die gleichnamige Kirche. In der einstigen Molkenstraße – heute ein Teil der Poststraße – hatten ihre Eltern ein gutgehendes Kolonialwarengeschäft. Die junge Ursula („Mein Spitzname war Ursel und nicht Uschi“) ging bis zur 9. Klasse in die Schule, die unmittelbar am Bahnhof Börse lag, der heutigen S-Bahnstation Hackescher Markt.

Als ihre Schulzeit vorbei war, begann der Zweite Weltkrieg. Anstatt eine Ausbildung zu beginnen, wurde Ursula Bartning in den Reichsarbeitsdienst und später in die Kriegsdiensthilfe abkommandiert. Zwischenzeitlich konnte sie als Verwaltungsangestellte in Berlin-Mitte arbeiten. Um den immer mehr militärisch werdenden Strukturen des Reichsarbeitsdienstes zu entkommen, heiratete die 20-Jährige ihren Freund Karl und täuschte eine Schwangerschaft vor. Das führte zur ersehnten Entlassung aus dem Dienst. Auch ihr Mann hatte gegen Kriegsende großes Glück. Von der Roten Armee war er gefangengenommen worden und sollte als Kriegsgefangener nach Russland transportiert werden. In Berlin gelang es ihm, trotz Bewachung von einem fahrenden Zug zu springen und sich in einem Gebüsch zu verstecken. Ein deutscher Zivilist fand ihn dort, half ihm, die Uniform gegen Freizeitkleidung auszutauschen und brachte ihn zu seiner vor Glück fassungslosen Ursula zurück.  

Nach dem Krieg fand Karl dann eine Anstellung bei einem alten Kohlenhändler an der Nikolaikirche, die er wenig später sogar übernehmen konnte. Seine Frau hingegen verdiente ihr Geld als Verwaltungsmitarbeiterin beim Zentralen Warenkontor für Haushaltswaren, einer Koordinierungsstelle für Großhandelsgesellschaften der DDR. Das Ehepaar bekam drei Söhne und lebte sehr zufrieden, bis Karl im Alter von 58 Jahren an den Folgen einer Kriegsverletzung starb.

Nach rund einem Jahr, das Ursula Bartning am Bodensee bei einer Cousine verbrachte, zog sie 1990 wieder nach Berlin. Eine Freundin hatte ihr eine schöne Wohnung im Hansaviertel vermittelt. Hier schätzt sie seit 31 Jahren nun die Ruhe, das viele Grün und ihren großzügigen Balkon. Jeden Tag freut sie sich auf den Besuch von der Pflegestation Jahnke, „der immer mit einem kleinen Pieks in den Bauch endet“, wie sie schmunzelnd sagt. Ansonsten liebt sie nach wie vor ihre Rätselhefte. „Das Gehirn muss schließlich arbeiten“, ist sie überzeugt.

VH

*Name von der Redaktion geändert

Ursula Bartning auf ihrem geliebten Balkon