Im Brennpunkt

Neue Wege bei der Gewinnung von Pflege(fach)personal

 

Wir sind im 4. Stock der Carl-Legien-Schule in Neukölln, einer Berufs- und Berufsfachschule für Gesundheit, Pflege sowie Ernährung und Hauswirtschaft. Anja Lull, die Fachleiterin Pflegeberufe, schließt einen Unterrichtsraum auf, der allein schon aufgrund seiner Größe und seiner Ausstattung kein normales Klassenzimmer sein kann. Drei Pflegebetten im hinteren Teil des Raumes und die auf ihnen liegenden, lebensecht gestalteten Pflegepuppen weisen darauf hin, dass hier normalerweise fleißig geübt wird. Grundpflegemaßnahmen, Lagerung, Verbandstechniken, Blasenkatheterisierung und sogar Injektionen können an den Puppen erprobt werden.

„Willkommen im Fachpraxisraum“, sagt Anja Lull und erklärt die multimedialen Möglichkeiten, die dieser Raum auch bietet. Keine Frage, wer hier lernen darf, hat beste Voraussetzungen. Und die benötigt die besondere Klientel auch, die im Projekt Fachkräftesicherung an der Carl-Legien-Schule ausgebildet werden: sogenannte „bildungsbenachteiligte Personen“, zu denen häufig Menschen mit Migrationshintergrund zählen, geduldete Geflüchtete (mit Arbeitserlaubnis), aber selbstverständlich auch in Deutschland Geborene, die aus unterschiedlichen Gründen nicht über die nötigen Bildungsabschlüsse verfügen.

„Ursprünglich hatten wir einen Personenkreis ab 25 Jahren im Sinn, doch in den drei ersten Ausbildungsdurchgängen hat sich gezeigt, dass es häufig auch jüngere Menschen sind, die zu uns kommen“, räumt die Fachleiterin Pflegeberufe ein.

Der Personalmangel in der Pflege ist längst nicht mehr ein Zukunftsbild, er ist real und als Realität auch bei den politisch handelnden angekommen. Als eine von mehreren Maßnahmen zur Sicherung und im besten Fall Gewinnung von Pflegepersonal entstand vor einigen Jahren im Rahmen des Projekts „Fachkräftesicherung in der Altenpflege“ eine Initiative, die sich die Entwicklung einer staatlich geprüften Ausbildung zur Pflegehilfe in Berlin auf die Fahne geschrieben hat.

Ein neuer Bildungsgang entstand, und zu diesem sollten nach dem Plan auch Menschen Zugang haben, die nach Arbeitsauszeiten einen Wiedereinstieg in den Beruf wünschten. Und es sollte Interessierten eine Chance gegeben werden, die womöglich schon erste Erfahrungen in der Pflege gesammelt hatten, aber aufgrund sprachlicher und/oder formaler Hürden keinen Zugang zur stark regulierten dreijährigen Altenpflegeausbildung erhalten hatten.

Fünf Zugangsvoraussetzungen müssen trotzdem im Vorfeld nachgewiesen werden:

* gesundheitliche Eignung

* ausreichende Deutschkenntnisse

* mindestens dreiwöchiges Praktikum oder vergleichbare Erfahrung in der Pflege

* Ausbildungsvertrag mit einer anerkannten Pflegeeinrichtung

* polizeiliches Führungszeugnis

Auf die Sprachförderung wird an der Schule in besonderem Maße Wert gelegt. In der Berufsbildung besteht seit Längerem eine Übereinstimmung, dass Sprachförderung eine Aufgabe ist, die der Deutschunterricht allein gar nicht leisten kann. „Nicht nur Lernende mit Migrationshintergrund und Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache benötigen Sprachförderung“, weiß Anja Lull. Eine steigende Anzahl von Lernenden mit Deutsch als Muttersprache sei ebenso auf Unterstützung bei Textverständnis und Texterstellung angewiesen. Deshalb kommen in diesem Bildungsgang verschiedene Instrumente der Sprachbildung zum Einsatz: Fachtexte sind mit zusätzlichen Begriffserklärungen und Hinzufügungen versehen, im Text eingebaute Diagramme erleichtern das Verstehen von Zusammenhängen und Lernenden mit Deutsch als Fremdsprache werden Wörterverzeichnisse samt Erläuterungen zur Verfügung gestellt.

 

Verschiedene Instrumente der Sprachbildung kommen zum Einsatz

 

Im Jahr 2015 startete die erste Klasse des neugeschaffenen Bildungsgangs, damals noch am Oberstufenzentrum Gesundheit im Wedding. Im dualen Bildungssystem (in der Regel drei Wochentage beim ausbildenden Arbeitgeber und zwei Tage an der Berufsschule) begannen 21 Schülerinnen und Schüler mit der 18-monatigen Ausbildung zur/m staatlich geprüften Pflegehelfer/in. Wichtig war es den Verantwortlichen, dass die Ausbildungsträger eine Ausbildungsvergütung zahlen, die mindestens der Vergütung entspricht, die im ersten Jahr der Altenpflegefachkraftausbildung entspricht. Bei Förderung durch Jobcenter oder Arbeitsagentur kann diese Förderung entfallen. Wichtig als grundsätzlicher Anreiz für Ausbildungsbetrieb und Auszubildende war und ist es ebenso, dass nach erfolgreichem Abschluss die Lernenden in das zweite Jahr der dreijährigen Pflegeausbildung einsteigen können.

Wie sieht nun das vorläufige Fazit des Bildungsgangs aus? „Sehr erfreulich“, meint die gelernte Krankenpflegerin und Pflegepädagogin Anja Lull. Die weitaus größere Anzahl der Auszubildenden bestehe die Prüfung, wovon etwa die Hälfte dann ins zweite Jahr der Pflegeausbildung einsteigen würde. Das Ziel der angestrebten Durchlässigkeit ist somit erreicht worden. Ob dieser besondere Berliner Weg mit der 2020 startenden generalistischen Pflegeausbildung weitergegangen werden kann, scheint im Augenblick leider mehr als fraglich.

VH    

 

 

Die Fachleiterin Pflegeberufe Anja Lull