Im Kietz gekiebitzt

Die Gedenkhalle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

 

Sie war zweifellos der optische Mittelpunkt des alten Berliner Westens. Mit ihrem Baubeginn im Jahr 1891 sollte „die Zurückführung der glaubenslosen Menschen zum Christentum und zur Kirche und damit zur Anerkennung der gesetzlichen Autorität und der Liebe zur Monarchie“ eingeleitet werden. So hoffte es zumindest der zu der Zeit regierende Kaiser Wilhelm II. Die Rede ist von der imposanten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit ihren einstmals hochragenden fünf Türmen. Geehrt werden sollte mit dem Namen allerdings Kaiser Wilhelm I. (1797-1888), mit dessen Kaiserproklamation 1871 das Deutsche Reich entstanden war.

Keine 50 Jahre blieb die im neoromanischen Stil erbaute prunkvolle Kirche bestehen. Am 23. November 1943 geriet das Gebäude bei einem britischen Luftangriff in Brand. Der Dachstuhl brach zusammen und die Spitze des Hauptturms knickte ab. Im Gegensatz zu vielen anderen im Krieg beschädigten Kirchen wurde die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aber nicht wieder aufgebaut. Die Ruine dieses Gotteshauses wurde nach langer und leidenschaftlicher Debatte zum Mahnmal gegen den Krieg. Eine zentrale Rolle sollte dabei die alte Eingangshalle erhalten. Unter ihrem neuen Namen „Gedenkhalle“ ist sie seit 1987 täglich für Besucher geöffnet. Sie gibt mit geretteten Exponaten und Fotografien aus der Kirche in beeindruckender Weise Auskunft über ihre einstige Pracht, aber auch über die Schrecken und katastrophalen Folgen von Kriegen.

Das Volk sollte – wie eingangs erwähnt – mithilfe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche seine Liebe zum Christentum, aber auch zur Monarchie festigen. Allein schon die optischen Reize im Inneren waren bestens dazu geeignet, Herz und Seele der Besucher zu gewinnen. Vor allem die Pracht der großflächigen Mosaiken sorgte für andächtiges Staunen. Für die Entwürfe der Mosaiken, Glasfenster und Reliefs verpflichteten die Erbauer namhafte Künstler. Im Chor wurde die christliche Heilsgeschichte vermittelt, im Lang- und Querhaus dominierten Szenen aus dem Leben Jesu. Die zum Schluss ausgestaltete Eingangshalle war dann ganz der Huldigung von Wilhelm I. und seiner Dynastie gewidmet und betonte die Legitimation der Kaiserwürde von Gottes Gnaden.

Dass diese Mosaiken in ihrer faszinierenden Farbpracht und Schönheit noch erhalten sind, grenzt an ein Wunder. Die bewusst gelassenen Risse einzelner Mosaikflächen fallen kaum ins Gewicht. Dass in einem Gotteshaus die preußischen Könige und deutschen Kaiser eine genau-so großen Stellenwert besitzen wie die christlichen Idole ist aus heutiger Sicht kaum verständlich. Dem damaligen Zeitgeist entsprach aber eine überlebensgroße Abbildung beispielsweise des „Zugs der Hohenzollern“, auf der die preußischen Herrscher zum Abendmahl schreiten, sehr wohl. Auch die Mosaiken mit Szenen der Befreiungskriege und des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 sind Ausdruck jener Epoche.                                                        VH                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           

Foto: Kunst und Bild

Blick auf die mosaikverzierte Gedächtnishalle