Im Kiez gekiebitzt

Das Weinhaus Huth am Potsdamer Platz

 

Das großstädtische Leben Berlins wurde vor allem in den 20er und frühen 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit einem Ort in Verbindung gebracht: dem Potsdamer Platz. Nirgendwo anders in Deutschland war das Verkehrsaufkommen so hoch. Nicht umsonst stand auf dem Potsdamer Platz schon ab 1924 ein Verkehrsturm mit der ersten Verkehrsampel der Stadt. Das legendäre Grand-Hotel Esplanade beherbergte die internationale High Society, Varietés sowie das sich rasch etablierende Rotlichtviertel zogen Einheimische und Besucher gleichermaßen an. 

Das Haus Potsdam –  später als Haus Vaterland wegen seiner einzigartigen Erlebnisgastronomie weltberühmt – war eine weitere  große Attraktion jener Zeit, ebenso das von Künstlern gerne besuchte Café Josty und das Weinhaus Rheingold, ein Restaurant der Aschinger-Kette für 4.000 Gäste. In unmittelbarer Nähe zur U-Bahnstation Potsdamer Platz gesellte sich ab 1912 dann ein besonderes Gasthaus in die Reihe der gastronomischen Betriebe – das Weinhaus Huth.

Im Jahr 1877 erwarb der Weinhändler Christian Huth das Grundstück an der Potsdamer Straße 139 (später Nr. 5) und erbaute dort eine Villa, in der er das nach ihm benannte Weinhaus einrichtete. Das heutige Gebäude an derselben Stelle ließ sein Enkel Willy Huth 1912 errichten. Als es schließlich stand, war es eine kleine Sensation, denn es war einer der ersten so genannten Stahlskelettbauten Berlins. Das Tragwerk des Hauses bestand ausschließlich aus Stahlträgern. Im imposanten Gebäude mit seinen sechs Geschossen und dem runden Türmchen im Eck fand die Weinhandlung im Erdgeschoss ihren Sitz, in den drei Stockwerken darüber wurden Veranstaltungsräume vermietet. Die Auslastung soll bei nahezu 100 Prozent gelegen haben.

Während des Zweiten Weltkriegs sollte sich die stabile Bausubstanz des Hauses bewähren, denn weder Luftangriffe noch Artilleriebeschuss konnten dem Weinhaus Huth ernsthaften Schaden zufügen. Nach dem Krieg war es eines der wenigen Gebäude am Potsdamer Platz, das nicht zerstört war. Seit den fünfziger Jahren diente es wieder als Wein-, aber auch als Wohnhaus. Der Mauerbau von 1961 bescherte dann dem Haus seinen Platz an der unmittelbaren innerstädtischen Grenze – inmitten einer städte-baulichen Öde. Der Spielfilm „Himmel über Berlin“ zeigt eine bewegende Szene, in der die unheimliche Leere jener Jahre rund um das Gebäude zu sehen ist. Wie auf einer Insel lebten dort trotzdem 28 Mietparteien. Nach dem Tod von Willy Huth 1967 verkaufte dessen Witwe das Gebäude samt Grundstück an den Bezirk Tiergarten, der dort Sozialwohnungen einrichten ließ.

Nach dem Mauerfall erwarb die Daimler-Benz-AG das Haus. Lutter & Wegner etablierte dort wieder eine Weinhandlung, später zog das Restaurant Josef Diekmann dort ein, daraufhin das Café Möhring. Heute beherbergt das Traditionshaus die Edelrösterei „The Barn“.

                                                                     VH

Das Weinhaus Huth im heutigen Gewand