Nachgefragt

Interview mit Franziska Giffey, Bundesfamilienministerin

 

Frau Dr. Giffey, am 4. Juni wurden die Ergebnisse der unter Ihrer Leitung stehenden „Konzertierten Aktion Pflege“, an der auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn intensiv beteiligt waren, einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Beratungen?

Wir müssen das Problem des Fachkräftemangels an der Wurzel packen und deshalb den Pflegeberuf attraktiver machen: durch eine modernere Ausbildung, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Meine Ministerkollegen und ich haben zusammen mit mehr als 40 Partnern aus der professionellen Pflege in Deutschland ein ganzes Bündel von Maßnahmen im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege beschlossen. Dazu gehört, dass künftig bundesweit nach Tarif bezahlt wird. Es wird ein am Bedarf orientierter Personalschlüssel eingeführt und die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte wird beschleunigt. Und wir wollen bis 2023 die Zahl der Auszubildenden und der Ausbildungseinrichtungen im Durchschnitt um 10 Prozent steigern.  

Für die Themen Ausbildung und Qualifizierung ist mein Ministerium federführend zuständig. Mir geht es neben der Ausbildung auch um das Halten von Fachkräften: Es gibt viele junge Leute, die die Ausbildung abbrechen oder die schon nach wenigen Jahren im Beruf wieder aussteigen. Das können wir uns nicht leisten.

Eine ressortübergreifende Zusammenarbeit der Bundesregierung bezüglich Verbesserungen der allgemeinen Situationen von Pflegenden hat es hierzulande in dieser Form noch nie gegeben. Was hat die drei Ministerien eigentlich zu der großangelegten Kooperation bewogen?

Die Pflege ist eine der großen Zukunftsfragen für unser Land. Ein Ministerium allein kann die Probleme, die damit verbunden sind, nicht stemmen. Auch weil an den unterschiedlichsten Schrauben gedreht werden muss. Nehmen Sie die Altenpflege, wo der Fachkräftebedarf besonders hoch ist: Auf 100 gemeldete offene Arbeitsstellen kommen derzeit nur 27 Bewerber. Das muss sich ändern, nicht nur im Interesse der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen, sondern auch im Interesse der jetzt tätigen Pflegekräfte. Denn je mehr Menschen wir für die Pflege gewinnen können, desto besser werden auch die Arbeitsbedingungen.

Im Moment ist es doch ein Teufelskreis: Wir haben zu wenig Nachwuchs, also haben wir zu wenig Leute, deshalb verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen, was dazu führt, dass viele den Beruf an den Nagel hängen oder gar nicht erst mit einer Ausbildung anfangen. Da müssen wir gegensteuern. Das schaffen wir nur durch bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und eine Zusammenarbeit in Verantwortung und nicht im Zuständigkeitsdenken.

Bereits in der letzten Legislaturperiode wurde die Neuordnung der Pflegeausbildung beschlossen, die Anfang 2020 in Kraft treten wird. Was konkret wird sich für die Pflege hierzulande dann verbessern?

Pflege kann nicht jede oder jeder und es wollen auch nicht alle diesen anspruchsvollen Beruf ergreifen. Aber damit wir diejenigen, die das wollen, für diesen Beruf gewinnen, brauchen wir eine moderne, attraktive und gut bezahlte Ausbildung und vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten. Einen großen Schritt haben wir mit dem neuen Pflegeberufegesetz geschafft. Ab 2020 muss niemand mehr Schulgeld bezahlen, zugleich ist überall in Deutschland eine angemessene Ausbildungsvergütung sichergestellt.

Pflege ist ein Zukunftsberuf, krisenfest und digitalisierungssicher. Es muss klar werden, dass sich eine Ausbildung in der Pflege lohnt und dass sie Möglichkeiten für verschiedene Berufswege eröffnet – bis hin zum Studium. Die Aufwertung der Pflegeberufe ist dringend geboten, und letztlich auch ein Gleichstellungsthema, denn 80 Prozent der Pflegekräfte sind Frauen.

In ersten Pilotprojekten der generalistischen Pflegeausbildung wurde bereits praktische Erfahrung gesammelt. Stimmen Sie deren Ergebnisse optimistisch – auch bezüglich einer breiten Akzeptanz dieser neuen Ausbildungsform?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Das liegt natürlich auch an den überwiegend positiven Rückmeldungen, die ich bekommen habe, etwa beim Besuch von Pflegeschulen und bei Gesprächen mit Fachverbänden. Mitte Juni war ich in Hamburg und habe mich mit Auszubildenden und Lehrkräften der Albertinen Schule ausgetauscht. Hier kann man schon seit 15 Jahren eine generalisierte Pflegeausbildung absolvieren, die unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten und Aufstiegsperspektiven bietet. Und das kommt an: das belegen die hohen Bewerberzahlen und die überdurchschnittlich guten Abschlüsse.

Mit welchen wichtigen Zielvorgaben für die Arbeit Ihres Ministeriums gehen Sie bis zum Ende der Legislaturperiode, die voraussichtlich bis 2021 andauern wird?

Was die Pflege angeht, so arbeiten wir natürlich weiter an der Umsetzung der Beschlüsse im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege. Und da haben wir uns eine Menge vorgenommen. 10 Prozent mehr Auszubildende und Ausbildungseinrichtungen sind ein ambitioniertes Ziel. Deshalb starten wir eine bundesweite Kampagne zu den neuen Pflegeberufsausbildungen und schicken ein Team von 40 Berufsberatern los, die überall in Deutschland in die Schulen gehen und über den Pflegeberuf aufklären: Was macht man da genau, wie viel verdient man, wie sieht die neue Ausbildung aus? Welche Perspektiven gibt es? Und natürlich unterstützen wir auch die Pflegeschulen bei der Umsetzung. Mein Wunsch ist es, dass die Pflege in der Gesellschaft besser angesehen ist.

 

 

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey Franziska Giffey, geboren am 3.5.1978 in Frankfurt/Oder, begann nach ihrem Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin früh mit einer berufspolitischen Tätigkeit, u.a. als Europabeauftragte in der Verwaltung des Bezirks von Neukölln. Die SPD-Politikerin absolvierte von 2005 - 2009 ihr Promotionsstudium im Bereich Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Die einstige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin (2015 - 2018) ist seit März 2018 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.