Nachgefragt

Interview mit Lucia Engombe, Buchautorin und Journalistin

 

 

Frau Engombe, als Sie sieben Jahre alt waren, wurden Sie im Rahmen eines Kinderrettungsprogramms zusammen mit vielen anderen namibischen Kindern aus einer Kriegsregion in die damalige DDR geschickt. Dort blieben Sie elf Jahre, um danach als junge Frau nach Namibia zurückzukehren. Seitdem sind fast 30 Jahre vergangen. Was denken Sie nach so langer Zeit über Ihre Jahre in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt?

 

Meine ersten Jahre in Mecklenburg im Schloss Bellin waren traumhaft. Die Landschaft war so idyllisch, so malerisch. Wir konnten immer aus dem Schloss raus, hatten eine Gartenanlage mit angrenzendem Wald und Hügeln, darin konnten wir uns austoben und durften einfach Kinder sein. Noch heute denke ich manchmal daran, dass ich mich hinsetzen möchte und die Landschaftsbilder in meinem Kopf einfach nur malen möchte. Vor einigen Jahren bekam ich eine Zeitschrift zugeschickt mit Fotos von Mecklenburg-Vorpommern, das hat mich wirklich sehr bewegt.

In einem Schloss als junges Mädchen aufzuwachsen war ein Privileg. Meine Kindheit dort empfand ich als schön und friedlich, die unerfreulichen Dinge, die es natürlich auch gab, vergisst man als junger Mensch relativ schnell. Ich habe die deutsche Sprache lernen dürfen, die ich als eine der schönsten Sprachen empfinde. Es gibt Möglichkeiten sich auszudrücken und Dinge zu beschreiben, die in unserer Sprache Oshivambo gar nicht existieren.   

 

Sie haben über Ihre deutschen Jahre, aber auch über die Zeit Ihrer Rückkehr nach Namibia ein großartiges Buch geschrieben (Kind Nr. 95). Was hat Sie zu der Idee gebracht, Ihre Erlebnisse aufzuschreiben?

 

Mit meinem Buch wollte ich die Wahrheit aufschreiben, wollte erklären, wo ich herkomme und welche Geschichte meine Familie, aber auch ich persönlich durchgemacht haben. Das alles hat viel mit meinem Vater zu tun, der politisch als Parlamentarier aktiv war, aber auf der „falschen Seite“ stand. Mein Vater war früher Unterstützer der SWAPO. Er fiel aber später in Ungnade, als er aufdeckte, dass die SWAPO-Führung europäische Spendengelder, die für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt worden waren, systematisch unterschlug und die Schutzbefohlenen hungern ließ. Man inhaftierte ihn, nahm ihm seine Farm weg und sorgte nach der Freilassung dafür, dass er sich von seiner Familie fernhalten musste.

Für meine Mutter, meine Geschwister und nach meiner Rückkehr auch für mich, war es sehr schwierig, als Angehörige eines „Verräters“ in Namibia zu leben. Anfeindungen, ja körperliche Übergriffe waren an der Tagesordnung. Jahre später wurde er sogar des versuchten Präsidentenmordes angeklagt, doch mangels Beweisen freigesprochen. Dennoch blieb er bis zu seinem Tod ein sozialer Außenseiter. Mithilfe meines Vaters begriff ich irgendwann die ganzen Zusammenhänge. Da stand für mich fest, dass ich darüber ein Buch schreiben würde. 

 

 

Sie berichten in Ihrem Buch über den Kulturschock bei der Ankunft in Deutschland und über den vielleicht noch größeren bei Ihrer Rückkehr. Gab es irgendwann einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, bei dem Sie feststellten: jetzt bin ich wieder in der afrikanischen Kultur angekommen?

 

 

Im Nachhinein denke ich, dass der Kulturschock in Deutschland wirklich sehr angenehm war. Das genaue Gegenteil war bei unserer Heimkehr nach Namibia der Fall. Schon im Flugzeug sahen wir die ungeheure Trockenheit des Landes. Einige von uns sagten dann: „Bloß umkehren, das kann nicht Namibia sein.“ Wir kamen anschließend in ein Auffanglager, in dem wir einfach nur noch geweint haben. Deutschland war für uns alle elf Jahre lang eine Heimat gewesen, an Namibia hatte kaum noch jemand Erinnerungen.

 

Ich hatte nichts dagegen, hierher zurückzukehren, aber ich hatte tiefe, ernsthafte Zweifel, ob ich hier den Alltag bewältigen könnte. Würde ich weiterhin zur Schule gehen können? Wo würde ich wohnen? Wer keine reichen Eltern hatte, musste in der Regel auf eine Farm ins Ovamboland, das fühlte sich so an, als sei man ins Mittelalter versetzt worden: morgens um 4 Uhr aufstehen, das Wasser aus dem Brunnen holen und dann schwere körperliche Arbeit; dazu diese gnadenlose Hitze! Nicht umsonst wurde ich auch von einem Teil meiner Familie „die Deutsche“ genannt, die Exotin aus einer anderen Welt.

 

Inzwischen bin ich aber angekommen und schätze auch Dinge wie die afrikanische Langsamkeit im Gegensatz zur europäischen Hektik. Ich mag es sehr, beiden Kulturkreisen anzugehören.

 

Haben Sie noch Kontakte zu Ihren damaligen namibischen Mitbewohnern? Würden Sie gerne einmal in das wiedervereinigte Deutschland zurückkehren wollen?

 

 

Oh, ich war bereits einige Male wieder in Deutschland, etwa bei der Frankfurter Buchmesse, um mein Buch „Kind Nr. 95“ vorzustellen. Danach habe ich mithilfe von deutschen Freunden eine deutschlandweite Lesereise unternommen und dabei viel über Marketing gelernt. Deutsch zu sprechen und dort zu essen ist immer großartig. Zu einigen der anderen Deutschlandkinder habe ich noch guten Kontakt – aber nicht alle haben sich über mein Buch gefreut. Einige waren sogar stinkesauer!

 

Sie arbeiten in Namibia als Journalistin. Wo kann man Ihre Beiträge lesen oder hören?

 

 

Seit vielen Jahren arbeite ich als Journalistin beim  NBC Funkhaus Namibia, das bis März 2017 NBC Deutsches Hörfunkprogramm hieß.

Es handelt sich dabei um ein täglich ausgestrahltes 24-stündiges Hörfunkprogramm der Namibian Broadcasting Cooperation in deutscher Sprache. Das Programm ging am 1. Oktober 1979 auf Sendung, seit 2015 bin ich die verantwortliche Programmleiterin.

 

 

                                                                                               

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: privat

Lucia Engombe Lucia Engombe, geboren am 13.10.1972 in Ovamboland in Nordnamibia, wurde gemeinsam mit anderen namibischen Kindern als Siebenjährige aus einem Kriegsgebiet in die DDR ausgeflogen. Nach der politischen Wende in der DDR kehrten sie alle 1990 in ihre Heimat zurück. Trotz anfänglicher großer Schwierigkeiten im unbekannten Land schaffte sie 1994 ihr Abitur. Heute lebt Lucia Engombe in Windhoek und arbeitet als Programmleiterin des deutschsprachigen Hörfunkprogramms der NBC.