Nachgefragt

Interview mit Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung

 

Herr Westerfellhaus, im März 2018 wurden Sie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zum neuen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung bestellt. Wie fällt Ihr Fazit nach neun Monaten Arbeit als nun Mitwirkender in der Bundespolitik aus?

Ich glaube, dass Pflege zur Zeit eine sehr hohe politische Aufmerksamkeit erfährt. Deshalb bin ich froh und dankbar, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um an zentraler Stelle mitzugestalten. Mir ist aber auch klarer geworden, dass man Veränderungen nur schrittweise hinbekommt. Die Erwartungen vor allem der Pflegekräfte sind immens, und zwar völlig zurecht. Andererseits gibt es auch große Widerstände mancher Beteiligter. Ich glaube, wir haben jetzt mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz und den Personaluntergrenzen bereits erste wichtige Schritte für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege auf den Weg gebracht. In der Konzertierten Aktion arbeiten wir zusammen mit allen Verbänden mit Hochdruck daran, Löhne, Arbeitszeiten und Belastung der Pflegekräfte konkret zu verbessern.

Bei Ihrer Amtseinführung sagten Sie: Mir ist besonders wichtig, die Arbeitsbedingungen und die Löhne der Pflegekräfte so zu verbessern, dass wir kranke und pflegebedürftige Menschen auch künftig professionell versorgen können.“ Was konnte dahingehend bislang in die Wege geleitet werden?

Jede neue Stelle für Pflegefachkräfte im Krankenhaus wird ab 1. Januar vollständig von der Krankenkasse bezahlt und ein separates Pflegebudget geschaffen. Damit wird den Krankenhäusern die Ausrede genommen, zusätzliche Stellen seien nicht finanzierbar. Mit den Personaluntergrenzen zeigen wir der Selbst-verwaltung, dass wir es ernst meinen mit einer besseren Personalausstattung. In der Alten-pflege schaffen wir 13.000 neue Stellen und fördern Kinderbetreuung und Digitalisierung, um Pflegekräfte zu entlasten. In der ambulanten Pflege werden die Wegezeiten besser vergütet und die Tarifentlohnung für häusliche Krankenpflege erleichtert. Gleichzeitig bereiten wir den Start der generalistischen Pflegeberufsausbildung vor.

Einer Ihrer interessantesten Vorschläge lautet: 80 Prozent Arbeitszeit bei 100 Prozent Lohn für die Pflegenden. Wie könnte das in der Praxis funktionieren – und gibt es hierfür Beispiele aus anderen Ländern?

Die mit dem Personalstärkungsgesetz geschaffenen neuen Stellen müssen auch tatsächlich besetzt werden. In erster Linie sind hier die Arbeitgeber gefragt. Sie müssen ihren Pflegekräften verlässliche Dienstpläne, eine gute Personalführung und innovative Arbeitszeitmodelle bieten. Wie bewege ich Pflegekräfte dazu, ihre Stundenzahl wieder aufzustocken bzw. wie senke  ich die Belastung, damit sie ihre Stundenzahl nicht reduzieren müssen? In Schweden gibt es Modelle, da sind 20 Prozent der Tätigkeit als Vertrauensarbeit und Regeneration definiert. Dort sind die Kollegen gesünder, es gibt weniger Ausfallzeiten, wieder mehr Kollegen, mehr planbare Zeit. Wenn Schweden damit Erfolg hat, finde ich, dass wir das auch in Deutschland ruhig mal diskutieren dürfen. Übrigens gibt es solche Modelle bereits in der deutschen Chemie- und Metallbranche. Gute Arbeitsbedingungen mit attraktiven Gehältern sind kein Hexenwerk, sondern auch in der Pflege machbar. Stabile Dienstpläne und mitarbeiterorientierte Arbeitszeiten sollten in einer Branche mit Fachkräftemangel selbstverständlich sein. In den Fokus geraten müssen auch Menschen, die in die Teilzeit geflüchtet oder aus dem Beruf gegangen sind. Diese können nur durch verbesserte Rahmenbedingungen zurückgewonnen werden. Dann hilft vielleicht auch eine Prämie als punktueller Anreiz.

Eine der Schwere des Berufs entsprechende, angemessene Bezahlung der Pflegenden ist seit vielen Jahren eine Ihrer Kernforderungen. Wer soll die Kosten dafür tragen? Die Patienten oder die Solidargemeinschaft durch erhöhte Beitragssätze?

Auf keinen Fall dürfen Mehrkosten für faire Löhne allein bei den Pflegebedürftigen landen. Die Kosten müssen auf breite Schultern verteilt werden, denn die Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zunächst sehe ich die Kranken- und Pflegeversicherung in der Verantwortung. Deshalb war es richtig, die Beitragssätze um 0,5% anzuheben. Erfreulicherweise sind die Menschen bereit, mehr für die Pflege auszugeben. Ich sage aber auch: Der Einsatz von Steuermitteln darf kein Tabu sein.

 

Die Kosten müssen auf breite Schultern verteilt werden

 

Was sind Ihre Ziele als Pflegebevollmächtigter bis zum Ende der Legislaturperiode?

Bei den verbesserten Arbeitsbedingungen sind wir zum Erfolg verdammt. Die Pflegekräfte im Beruf und diejenigen, die zurückkehren oder in der Ausbildung sind, müssen am Ende der Wahlperiode sagen: „Ja, es hat sich einiges getan“. Mehr Kollegen, mehr Wertschätzung, mehr Zeit für Pflegebedürftige – das ist die Formel gegen den Fachkräftemangel zum WinWin für alle. Dazu gehört eine angemessene Personalausstattung. Ich glaube, dass wir so etwas auch im Krankenhaus brauchen. Denn neben besserer Bezahlung und verlässlichen Arbeitszeiten wünschen sich Pflegekräfte vor allem mehr Zeit beim Patienten. Deshalb müssen wir auch die Aufgabenverteilung zwischen Pflegekräften, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen neu denken. Jeder sollte das machen, was er am besten kann, so dass sich die Berufsgruppen gegenseitig entlasten und es weniger Reibungsverluste bei der Patientenversorgung im Team gibt. Ich halte außerdem flächendeckende Tarifverträge für ein absolutes Muss. Und schließlich dürfen wir die pflegenden Angehörigen nicht vergessen. Denn überforderte Angehörige brauchen wirksame Entlastung, bevor Pflegebedürftige Schaden nehmen.

Das Interview führte Volker Hütte 

Foto: BMG / Holger Gross

Andreas Westerfellhaus stammt aus Nordrhein-Westfalen. Seit vielen Jahren ist er mit der Pflege eng verbunden. In den 1970er Jahren absolvierte er die Ausbildung zum Krankenpfleger und durchlief die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie. In den 1980er Jahren studierte er Pädagogik für Gesundheitsberufe und wurde Lehrer in der Krankenpflegeausbildung. Er war von 2009-2017 Präsident des Deutschen Pflegerates. Im März 2018 wurde er zum Pflegebevollmächtigten ernannt.