Soziales Engagement

Lesepaten – das größte Berliner Ehrenamtsprojekt im Bildungsbereich

 

 

 

In den meisten Ländern der Welt lernen Kinder spätestens mit sechs Jahren das Lesen. Lesen ist wesentlicher Teil der Kommunikation und eine Schlüsselkompetenz, die entscheidenden Einfluss auf nahezu alle Lebensbereiche hat. Ohne die zu erlernende Fähigkeit des Lesens sind Menschen von grundlegenden Informationen abgeschnitten. Warnhinweise, Gebrauchsanweisungen, Beipackzettel von Medikamenten oder die Nachrichten in den Tageszeitungen würden sich inhaltlich nicht erschließen. Auch der Erfolg in der Schule oder der Zugang zum Arbeitsmarkt wäre ohne Lesekenntnisse gar nicht oder nur schwer vorstellbar. Zugleich werden in Berlin immer mehr qualifizierte Auszubildende gesucht – doch ausgerechnet das Lesen macht vielen Schwierigkeiten. Berlin liegt im Ranking der Kultusministerkonferenz bei der Lesekompetenz auf dem vorletzten Platz, auch bei Mathematik und Rechtschreibung hat der Nachwuchs Defizite.

 

Hier setzt die Arbeit der Berliner Lesepaten an. Das Projekt möchte Kinder früh in ihrer schulischen Entwicklung unterstützen. Ehrenamtliche Lesepatinnen und Lesepaten gehen in Kitas und Schulen, wo sie die Lese- und Lernkompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken. Im Mittelpunkt stehen Einrichtungen mit einem Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von über 40 Prozent oder einem entsprechenden Anteil von Eltern, die Grundsicherung bzw. andere Transferleistungen erhalten.

 

„Die Berliner Lesepaten wurden 2005 vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller VBKI gegründet, um das bürgerschaftliche Engagement in Berlin zu stärken und sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu eröffnen“, sagt der VBKI-Präsident  Markus Voigt. Es sei das größte Berliner Ehrenamtsprojekt im Bildungsbereich. Jede Woche gehen über 2.300 Lesepatinnen und Lesepaten mehrere Stunden in Berliner Schulen und Kitas. Mit ihrer freiwilligen Arbeit stärken sie die individuelle Lese- und Lernkompetenz von über 12.000 Kindern und Jugendlichen – und machen sie zugleich fit für die Zukunft.

   

Die Lesepaten haben zweifelsohne eine hohe gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ihre Arbeitsweise ist jedoch in wesentlichen Elementen vorgeschrieben: Sie setzen sich parallel zum Unterricht mit einzelnen Kindern oder in Gruppen zusammen und lassen sich Texte vorlesen oder lesen selbst vor. Die Lehrkräfte entscheiden jeweils über Inhalt, Art und Umfang der Unterstützung. Während die Lesepaten in Kitas mit den Kindern Bilderbücher betrachten und kommentieren und dadurch ihre Sprachentwicklung unterstützen, erschließen sie in Sekundarschulen mit Jugendlichen bereits Fachtexte, unter anderem in Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Lesepaten bewerten und benoten nicht und sind daher starke Partner für ihre Schützlinge.

 

Wer sich ein wenig mit der Motivation der Lesepatinnen oder -paten befasst, entdeckt gleich ein Reihe von guten Gründen für ihr Engagement: etwas Sinnvolles tun, sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche einsetzen oder einfach die Freude am Lesen. Die zur Verfügung gestellte Zeit wird dabei zumeist sehr rasch von Erfolg gekrönt. Die Schüler und Kita-Kinder erleben Lernfortschritte und sind ihren Patinnen und Paten äußerst dankbar. Nicht selten entstehen persönliche Freundschaften, sogar mitunter zu Familienangehörigen.

 

Die begleitende Förderung neben dem Schul- und Kitaalltag hilft allen Kindern, insbesondere denen mit schlechteren Startbedingungen. Eine Hauptaufgabe des Teams um Lesepaten-Projektleiterin Carola Hagen ist es daher, engagierte Lesepaten für  Kitas und Schulen zu finden. Derzeit sind laut Information der Projektwebsite rund 2.300 Lesepaten in knapp 200 Grundschulen, etwa 40 Sekundarschulen, 5 Gymnasien und 94 Kitas im Einsatz. Doch dies wird mittelfristig nicht ausreichen. Der Bedarf wächst. Das Projekt sucht permanent neue Freiwillige, denn der Förderbedarf an Schulen und Kitas steigt. Für die Freiwilligenarbeit gibt es kein Geld, aber ein kleines Dankeschön. Für das geleistete ehrenamtliche Engagement laden die Initiatoren regelmäßig zu kulturellen- und Sportveranstaltungen ein.

 

Die Arbeit der Berliner Lesepaten ist zu 100 Prozent privat finanziert. Erst das Engagement von Unternehmen, Privatpersonen und Stiftungen macht sie möglich. Um auch in Zukunft genügend Lesepaten gewinnen und professionelle Standards, etwa durch begleitende Seminare und Workshops, garantieren zu können, benötigt das Projekt Unterstützung. Denn Vorlesen ist eines der wirkungsvollsten Mittel, um Kindern einen erfolgreichen und fantasievollen Zugang zum Lesen zu ermöglichen und sie auf selbständiges Lesen vorzubereiten.

 

Viele ältere Menschen erinnern sich noch sehr gut an jene Tage, an denen ihnen im Kindesalter vorgelesen wurde oder an denen sie ihren eigenen Kindern oder Enkeln vorgelesen haben. Und so soll dieser Beitrag schließen mit einem, der sich gleichfalls an das Blättern in ersten Büchern erinnert hat: mit Joseph von Eichendorff, dem großen deutschen Lyriker und Novellisten.                                           VH

Foto: VBKI Lesepaten

Lesen gilt als Schlüsselkompetenz