Soziales Engagement

„Das Baby kommt auf die Welt, und plötzlich ist nichts mehr wie es war!“ Diese Erkenntnis, oft vernommen zwar und als Binsenweisheit abgetan, trifft junge und auch ältere Paare indes mitunter bis ins Mark. Der Nachwuchs ist da, und die Freude ist zunächst riesig. Die frischgebackenen Eltern wollen alles richtig machen und ihrem Sprössling den bestmöglichen Start ins Leben ermöglichen. Doch mit den zahlreichen Stolpersteinen am Wegesrand haben sie nicht gerechnet. Der kleine Hosenmatz stellt die Welt nämlich auf den Kopf. Schlaf wird nun zum kostbaren Gut, Routine gibt es kaum noch, private Interessen müssen hinten anstehen und Paare, die sich bisher ausschließlich als Paar definiert haben, sehen sich nun in einer vollkommen neuen und gewöhnungsbedürftigen Rolle: als Mutter und als Vater.

Rose Volz-Schmidt hat all diese Erkenntnisse und Problematiken vor Augen gehabt, als sie  im Jahr 2002 in Hamburg das Projekt wellcome gründete. Familien stärken und ihnen Mut machen, war von Anfang an das Ziel. Praktische Hilfe nach der Geburt lautete das Angebot. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen besuchen hilfsbedürftige Familien im ersten Jahr nach der Geburt und entlasten diese im Alltag. Dabei ist die Unterstützung unabhängig davon, ob es das erste Kind ist oder ob es bereits Geschwisterkinder gibt.

Aus dem einstigen Projekt ist inzwischen ein gemeinnütziges Unternehmen geworden, das nicht materiellen, sondern sozialen Mehrwert schaffen und die Lebensbedingungen von Menschen verbessern möchte. Über rund 230 Standorte verfügt wellcome zurzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alleine in Berlin sind es 16, und sie alle sind angegliedert an bereits bestehende Projekte, Vereine oder gemeinnützige GmbHs. Ein Berliner Standort befindet sich in Moabit in der Wilsnacker Straße 14.

Seit acht Jahren existiert dieser Standort, der bei der trialog Jugendhilfe gGmbH angesiedelt ist. Marianne Jürgens ist wellcome-Koordinatorin und Ansprechpartnerin für den gesamten Bezirk Mitte. „Mit mir nehmen Familien Kontakt auf, die Unterstützungsleistungen möchten, aber auch potenzielle ehrenamtliche Mitarbeiterinnen“, gibt die Koordinatorin Einblicke in ihre tägliche Arbeit. In die Öffentlichkeit gelangen die Informationen und Angebote über das Internet mittels eigener Website, über hauseigene Flyer, die unter anderem in Kliniken und Geburtshäusern ausliegen und über Mundpropaganda.

„Wir verstehen uns aber nicht als Vermittler von Babysittern“, betont Marianne Jürgens, „vielmehr als Anbieter moderner Nachbarschaftshilfe.“ Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen kommen ein- bis zweimal in der Woche für zwei bis drei Stunden und entlasten die Familien so, wie diese es gerade brauchen. Das kann eine Begleitung zum Kinderarzt sein, ein Spaziergang mit dem Baby im Kinderwagen oder ein Spielenachmittag mit dem großen Geschwisterkind. Und wenn die Mutter oder der Vater sich einfach mal für zwei Stunden ausruhen möchte, wacht die Mitarbeiterin über das Baby.

Die wellcome-Koordinatorin legt Wert darauf, dass die Vermittlung prinzipiell für alle in Berlin-Mitte wohnenden Familien mit Neugeborenen gilt, unabhängig von sozialem Stand, Staatsangehörigkeit oder finanziellen Verhältnissen. Für die Vermittlung von Ehrenamtlichen berechnet wellcome eine einmalige Gebühr von maximal 10 Euro und für den Einsatz bis zu fünf Euro pro Stunde. Die Gebühr dient dazu, die Fahrtkosten der Besucherinnen und deren Unfall- und Haftpflichtversicherungen zu begleichen. Doch grundsätzlich gilt: Die Hilfe darf am Geld nicht scheitern. Wer nur sehr wenig Geld hat, zahlt den Betrag, der möglich ist. Andererseits nimmt wellcome auch gerne Spenden von denjenigen entgegen, die mehr zahlen können und möchten. Dies hilft dann wieder, andere Eltern zu unterstützen.

Die Auswahl der Ehrenamtlichen verläuft nach bewährten Regeln. Interessenten stellen sich im Büro in der Wilsnacker Straße persönlich vor. Dort berichten sie im Erstgespräch über ihre Erfahrungen, ihre Vorstellungen – und ganz wichtig – geben eine Einschätzung darüber ab, was sie sich zutrauen. Wenn nach dem erfolgreich verlaufenen Gespräch das erweiterte Führungszeugnis keine negativen Informationen enthält, steht einem ersten Einsatz nichts mehr im Weg.

„Zurzeit sind bei uns Frauen zwischen 18 bis 75 Jahren im Einsatz“, bestätigt Marianne Jürgens. „Wir schätzen es aus Gründen der Kontinuität, wenn die Ehrenamtler mindestens ein halbes Jahr bei uns bleiben und freuen uns andererseits immer sehr über neue Ehrenamtliche.“ Sollten sie mit der zu betreuenden Familie nicht klarkommen, sei dies kein Problem. Die Familien und die jeweilige Helferin würden sich stets erst einmal kennen lernen. Danach entscheiden beide Parteien separat, ob sie zusammenarbeiten möchten. Der Einsatz kann anschließend von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern.

 

Wie sehr die flächendeckende Arbeit von wellcome politisch und gesellschaftlich geschätzt wird, zeigen zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 die bundesweite Schirmherrschaft für wellcome übernommen, da sie den Einsatz als ein gutes Beispiel für eine Kultur des Hinsehens schätzt. In allen Bundesländern, in denen es wellcome-Teams gibt, haben die Sozialminister/innen und Sozialsenator/innen die Schirmherrschaft in ihren Ländern übernommen. In Berlin hat Bildungs- und Familiensenatorin Sandra Scheeres seit 2011 die Schirmherrschaft inne. 

                                                          VH

Foto: wellcome

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen besuchen unterstützungsbedürftige Familien

Foto: wellcome

Manchmal ist auch ein Geschwisterkind mit zu betreuen