Im Kiez gekiebitzt

Das Afrikanische Viertel im Wedding

Ein Gebiet im Wedding von rund 10 km² wird von Siedlungsbauten aus den 20er und 30er Jahren geprägt. Weltbekannte Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe und Paul Mebes haben dort mit Häusern im Stil der Neuen Sachlichkeit und des Bauhaus ihre Spuren hinterlassen. Zwischen Müller- und Seestraße sowie dem Volksberg Rehberge klingen die Straßennamen jedoch herzlich wenig nach Berlin oder seinem Umland. Vielmehr könnte einen das große Fernweh packen, wenn man von ihnen hört oder liest. Da gibt es die Togostraße, die Kameruner Straße, die Swakopmunder Straße sowie die Windhuker Straße.

Kein Wunder, denn dieses Areal hat den offiziellen Namen „Afrikanisches Viertel“. Diese Bezeichnung erhielt es schon Anfang des 20. Jahrhunderts, und die Geschichte dazu erscheint aus heutiger Sicht kurios und skurril: Der Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck plante um 1910 für den heutigen Volkspark Rehberge eine seinem Hamburger Tierpark ähnliche  Anlage, in der er unter anderem Tiere und Menschen aus den damaligen deutschen Kolonien präsentieren wollte. Der Erste Weltkrieg verhinderte diese Pläne, doch die Straßennamen waren bereits vergeben, sodass sie bis heute existieren. 

Laut den Zahlen des Berliner Statistischen Landesamtes wohnen gut 20.000 Menschen im Afrikanischen Viertel. Prozentual haben tatsächlich überdurchschnittlich viele dort gemeldete Personen afrikanische Wurzeln. Zieht der Name also Afrikaner an? Rund 700 im Gebiet gemeldete Einwohner mit afrikanischer Herkunft leben dort, das sind etwa 3,4 Prozent der Bevölkerung. In ganz Berlin beträgt der afrikanische Anteil rund 1,4 Prozent und ist damit deutlich geringer als im nördlichen Wedding. Anders formuliert: Das Afrikanische Viertel ist also weit afrikanischer als der Durchschnitt der Stadt.

Insgesamt ist das Afrikanische Viertel ein sehr lebenswerter Kiez. Viele internationale Bars und Cafés sowie eine hohe studentische Bewohnerzahl sorgen für ein gut gemischtes Mit-einander. Der angrenzende Volkspark Rehberge bietet hingegen Natur, Grün und – meistens jedenfalls – himmlische Ruhe. Ins Gerede gekommen ist die Gegend in den letzten Jahren trotzdem immer wieder. Das liegt an den Änderungen dreier Straßennamen. Nach Gustav Nachtigal, Franz Adolf Lüderitz und Carl Peters darf nach Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung keine dortige Straße mehr benannt werden. Die teilweise über 100 Jahre alten Straßennamen wurden neu vergeben, weil sich diese drei Männer Teile des afrikanischen Kontinents militärisch und mit Zwangsververträgen angeeignet hatten.

Die dort lebenden Afrikaner scheint das eher weniger zu interessieren. Was soll’s?, könnten sie denken, schließlich heißt eine Hafenstadt in Namibia immer noch Lüderitz. Und selbst dort gibt es keine Bestrebungen, dies zu ändern.   VH                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           

Ein afrikanischer Markt in der Kameruner Straße