Nachgefragt

Interview mit Thomas Meißner, 2. Vorsitzender des AnbieterVerbands qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen

 

Herr Meißner, als Gründungs- und langjähriges Vorstandsmitglied des AVG, einer gewichtigen Berufsstandvertretung der Berliner Pflege, haben Sie schon viel erlebt. Hand aufs Herz: sind die aktuellen Herausforderungen der Corona-Pandemie die größten für die Pflege seit Antritt Ihrer Amtszeit vor knapp 20 Jahren?

Es ist nicht die größte, aber die komplexeste Krise, in der wir derzeit stecken. Wir hatten schon einige schlimmere, in den 90er Jahren etwa sollte die ambulante Krankenpflege aus dem Pflichtkatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Damals herrschten gewaltige Existenzängste. Dann sollten während der Auseinandersetzungen mit den Betriebskrankenkassen 1999 und 2000 die Preise um 40 Prozent gesenkt werden, der Sparwahn der Pflege- und Krankenkassen Anfang des neuen Jahrhunderts ist auch nicht zu vergessen.

Die aktuelle Krise ist so komplex, weil man viele Dinge noch nicht vorhersehen kann. Die Anforderungen für die Pflege sind so gewaltig, dass wir auf eine Gemeinschaft von vielen angewiesen sind. Für die kleinste Gruppe, die ambulanten Dienste, bedeutet das in dieser Krise, eine hohe Flexibilität zu zeigen: das eigene Management anzupassen, zum Beispiel die Hygienemaßnahmen bei den Patientenbesuchen, die Anforderungen der Ämter zu erfüllen und darauf zu achten, dass Mitarbeiter, Patienten und Angehörige zufrieden sind.

Mit welchen Fragen und Wünschen traten die AVG-Mitglieder an Sie heran und welche dringenden Aufgaben hatte Ihr Verband seit Bekanntwerden der ersten Covid-19-Fälle in Berlin konkret zu leisten?

Die wichtigste Frage war: wie kommen wir mit halbwegs vertretbaren finanziellen Ausgaben an Schutzmaterial heran, an Schutzbekleidung, an Handschuhe, Mundschutz, Desinfektions-mittel, an FFP2- und FFP3-Masken? Eine weitere häufig geäußerte Bitte war: könnt ihr uns all das, was während der Pandemie geschieht und von unserer Seite zu leisten ist, zusammenfassen und widerspiegeln? Auch die Frage, was zu tun ist, wenn ein Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung besteht, tauchte öfter auf. Wem muss ich was melden und wie geht es dann weiter?

Die Beantwortung all dieserFragen war nicht immer einfach, denn während der ersten Pandemie-Wochen konnte uns selbst ja kaum jemand eine vernünftige Antwort geben.  Wir haben mit täglichen informellen Updates versucht, so viele gesicherte Informationen wie möglich an unsere Mitglieder weiterzugeben.

Haben sich nach Ihrer Erfahrung die Pflegeeinrichtungen auf die Pandemie eigentlich gut eingestellt? Haben die Einrichtungen richtig und verantwortungsvoll reagiert?

So richtig darauf eingestellt war im ganzen Land so gut wie niemand, und von mittelständischen Unternehmen kann man das auch schwer erwarten. Wenn man alle Umstände berücksichtigt, dann haben die ambulanten Dienste insgesamt einen hervorragenden Job geleistet. Sie haben sehr verantwortungsvoll und praxisorientiert gehandelt. Sie haben trotz großer Probleme nicht aufgegeben – und hier gilt mein großes Lob vor allem an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Betriebe. Während Einrichtungen wie der Katastrophenschutz und die Gesundheitsämter, die eigentlich in der ersten Reihe hätten stehen müssen, nahezu abgetaucht sind, haben die Pflegedienste und deren Mitarbeiter mit wenigen und oft unzureichenden Mitteln sehr viel bewirkt.

Dazu kommt ein sehr solidarisches Verhalten – sowohl innerhalb des AVG als auch seitens der Mitglieder. Einer rief an und teilte mit, dass er Masken übrig habe, ein anderer dafür hatte Brillen. So wurde sich gegenseitig unterstützt und für diese gelebte Solidarität kann man allen nur herzlich danken.

Ende des letzten Jahres haben Sie das Bundesverdienstkreuz am Bande für Ihre Verdienste um die Pflege in Deutschland erhalten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren?

Ganz ehrlich? Ich dachte, die haben sich geirrt. Man wird ja vorher nicht über die Verleihung informiert, und ich musste mir das Schreiben von der Senatsverwaltung dann dreimal durchlesen, bis ich den Inhalt auch tatsächlich glaubte: der Bundespräsident hat mir das Bundesverdienstkreuz verliehen und ich möge mitteilen, ob ich das annehme und ich dürfe zur Verleihung fünf Personen mitbringen. Ich habe es dann mit gewissem Stolz und einer Portion Demut entgegengenommen wissend, dass es viele andere Menschen gibt, die es verdient hätten, aber nicht erhalten.

Welche Ziele haben Sie sich mit dem AVG für die nächste Zeit noch gestellt?

Zum einen möchte ich gerne erreichen, dass wir als Team AVG – Mitglieder, Geschäftsstelle und Vorstand – inhaltlich weiter vorankommen, aber auch neue Kolleginnen und Kollegen gewinnen und aufbauen. Falls der eine oder andere alters-bedingt mal ausscheidet, sollte die Arbeit reibungslos fortgeführt werden können.  

Bei den Kostenträgern müssen wir in dieser Zeit unmissverständlich Sontags-, Feiertags-, Nacht- und Spätdienstzuschläge einfordern. Des Weiteren müssen wir die Bürokratie abbauen und die Digitalisierung in der Pflege vorantreiben. Wir brauchen Beantragungs- und Abrechnungssysteme, die das Wort Digitalisierung verdienen! Zur Steigerung der Entgelte haben wir verbandsintern ein Positionspapier erstellt, das unsere Forderungen erläutert. Dann müssen wir die Arbeitsbedingungen in der Pflege so verändern, dass niemand mehr auf den Gedanken kommt, Leasing-Kräfte anzufordern. Es bleibt also noch einiges zu tun.

Das Interview führte Volker Hütte

Foto: Headshot Berlin

Seit fast 30 Jahren ist Thomas Meißner selbständig tätig im Bereich ambulante und teilstationäre Pflege. Der Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin interessierte sich schon früh für die Mitarbeit in Arbeitgeber- und Berufsstandvertretung. Im Jahr 2001 wurde Meißner Gründungs- und Vorstandsmitglied des AnbieterVerbands qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen. Von 2013 bis 2017 war er Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats und seit 2015 ist er Mitglied des Bundesverbands Pflegemanagement. Seit vielen Jahren setzt sich Thomas Meißner zudem für die Einrichtung der Berliner Pflegekammer ein.